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Die Sanierung Tenevers

erschienen im Rheinischen Merkur, 22.12.2005 von Claus Spitzer-Ewersmann

"Bremen-Tenever/ Hier leben Hartz-IV-Empfänger, Ausländer und Ausgegrenzte unter unwürdigen Bedingungen. Die Totalsanierung der Siedlung soll das nun ändern

Aufbruch durch Abbruch

Aus dem Vorzeigeprojekt für Sozialbau wurde ein Abstellplatz für Arme. Jetzt steht der Osten der Stadt Pate für den Rückbau von Trabantenstädten.

Zeugen: 72 Millionen Euro kostet die Sanierung der Hochhaussiedlung im Bremer Stadtteil Tenever. Einige der 15 Gebäude mit insgesamt 2653 öffentlich geförderten Wohnungen werden abgerissen, andere komplett renoviert. Für viele Bewohner, die die Operation „Großer Wurf“ live beobachten können, hat das zur Folge, dass sie zumindest vorübergehend ihre Wohnung wechseln müssen.

Fred Rese platzte der Kragen: „So geht das einfach nicht, so kann man mit uns nicht umspringen!“ Jahrelang war von Sanierung die Rede gewesen, von einem Neubeginn. Und jetzt doch das Programm Abrissbirne? Rese konnte es nicht glauben. Gerade erst hatte er in seiner Wohnung neues Laminat verlegt, das Wohnzimmer frisch tapeziert. Und nun das. Der Wohnblock, in dem er seit Jahren mit seiner Frau wohnt, soll dem Erdboden gleichgemacht werden.

Ortstermin in Osterholz-Tenever, der Hochhaussiedlung am östlichen Rande Bremens. Sie gilt heute als einer der größten Sündenfälle in der Geschichte deutscher Stadtplanung. Ganz anders Ende der sechziger Jahre: Nach der Zauberformel „Urbanität durch Dichte“ sollte hier die Vision vom Wohnungs- und Städtebau der Zukunft verwirklicht werden. Bremen stellte sich gerne als Versuchskaninchen zur Verfügung, schließlich erwarteten die Oberen der Hansestadt bis zum Jahrtausendwechsel den rasanten Anstieg der Bevölkerungszahl auf über 750000.

Die Planungen waren entsprechend angelegt: Auf einer Fläche von 44 Hektar sollten direkt an der Autobahn 4600 Wohnungen und Häusertürme mit bis zu 22 Stockwerken entstehen. Aberwitzige Ideen machten die Runde. So wurde etwa ein Wohnblock ausschließlich für allein erziehende Mütter entworfen. Selbst der sonst recht besonnene damalige Bremer Bürgermeister Hans Koschnik ließ sich von der Euphorie anstecken und begeisterte sich für eine Art Schwebebahn, die Tenever eines Tages mit dem rund zwölf Kilometer entfernten Stadtzentrum verbinden sollte.

Das Nachdenken setzte erst wieder ein, als die ersten Rohbauten standen. Das Schlagwort „Klein-Manhattan“ machte angesichts der hässlichen Betonklötze die Runde. Und dass Bremens Einwohnerzahl stagnierte statt stieg, ließ sich auch nicht mehr vom Tisch wischen. So warf man nach einer Denkpause im Jahr 1975 die Planung komplett über den Haufen. Errichtet wurden schließlich 15 Gebäude mit 2653 öffentlich geförderten Wohnungen, Kommunikationsebenen für die Bewohner und einer Reihe von Einrichtungen für Alte, Behinderte und Alleinerziehende. 1975 zogen die Ersten ein.

Keine 15 Jahre später ist klar: So geht es nicht weiter. Das Modellprojekt ist zum Sorgenkind verkommen. In der Satellitenstadt häufen sich die Probleme, und das schlechte Image ist noch das kleinste davon. Statt zum bewunderten Prunkstück hat sich der Retorten-Stadtteil zum sozialen Brennpunkt entwickelt. Skrupellose Spekulanten lassen ganze Blocks vergammeln, Feuchtigkeit macht sich breit. In diesem Chaos hält es niemand lange aus. Der Leerstand nimmt zu, erreicht in Spitzenzeiten fast 44 Prozent. Wer es sich leisten kann, zieht weg. So wird Tenever zum Sammelbecken der Armen, Ausländer und Ausgegrenzten. Ein Abstellplatz für all jene, die man woanders nicht gerne haben wollte. In den Pariser Banlieues waren es vergleichbare Siedlungen, in denen die ersten Autos brannten, bevor die Revolte das ganze Land erfasste.

Bremen-Tenever ist also doch eine Art Modellsiedlung – nur ganz anders als ursprünglich vorgesehen. „Hier leben inzwischen Menschen aus über 80 Nationen und verschiedenster Glaubensrichtungen vollkommen friedlich zusammen. Das hat doch auch seinen Wert“, sagt Joachim Barloschky. Er nennt sich Viertelmanager und ist als Leiter der Projektgruppe Tenever so etwas wie der Außen- und Innenminister des Quartiers. Er kennt hier fast jeden, hat auch den direkten Draht zu den Behörden und Wohnungsbauunternehmen.

Gegen die Verelendung setzt er das Konzept der Vernetzung und der aktiven Mitbestimmung durch die Bewohner. Es gibt öffentliche Treffpunkte für Mütter und Arbeitslose, interkulturelle Begegnungsstätten und Einrichtungen für Jugendliche. Doch trotzdem muss „Barlo“, wie sie ihn hier nennen, eingestehen, dass es mit dem Sozialidyll nicht weit her ist und Deutsch-, Computer- oder gar Gymnastikkurse nur für eine Scheinstabilität sorgen. „Hier wird extrem gute Sozialarbeit geleistet“, sagt er, „aber die Kernprobleme wie etwa die hohe Arbeitslosigkeit können wir auf diesem Wege nicht lösen.“ Zwischen 35 und 40 Prozent liege die Erwerbslosenquote, heißt es. Die meisten davon hätten auf dem ersten Arbeitsmarkt keine Chance, meint Gabi-Grete Kellerhoff vom Arbeitslosenzentrum.

„Ich bin da also schon fast eine Ausnahme“, schmunzelt Fred Rese. Er ist als Kraftfahrer bei einer großen Bremer Spedition beschäftigt und finanziell ordentlich abgesichert. Gemeinsam mit seiner Frau Karen lebt er im dritten Stock in der Wormser Straße 13. Als der Bremer Senat im Herbst 2002 beschließt, Tenever ein neues Gesicht zu verpassen, finden die Reses das gut: „Wir wohnen hier wirklich sehr gerne.“ Aber auch sie wissen, dass viel zu lange nichts passiert ist. Modernisierungen waren nie ein Thema, selbst simple Schönheitsreparaturen blieben aus. Bei einem kleinen Rundgang wird schnell deutlich: Mehr als Flickschusterei hat es hier nie gegeben. Nun herrscht akuter Nachholbedarf.

Die dunklen Eingangsbereiche der Häuser sollen erneuert, unübersichtliche Zwischenebenen, die sie miteinander verbinden, abgerissen, Fenster und Türen ausgetauscht, Fassaden gedämmt und gestrichen werden. Im Haus steht die Modernisierung der Bäder, ein neuer Anstrich für Wände und Decken, die Renovierung der Treppenhäuser, Aufzüge und Müllräume auf dem Programm. Und den schlimmsten Wohnsilos will man mit dem Bagger zu Leibe rücken.

72 Millionen Euro soll die Sanierung kosten – normalerweise ein nicht zu stemmender Kraftakt für das chronisch klamme Bremen. Doch Tenever ist eines von 16 westdeutschen Projekten im staatlich geförderten Programm „Stadtumbau West“ (siehe unten). Von Lübeck bis Selb sieht man deshalb ganz genau hin, ob die Bremer es wie vorgesehen als Erste schaffen, die Wohn- und Lebensqualität in so genannten Problemvierteln zu verbessern und so zu verhindern, dass weiterhin Bewohner „mit dem Möbelwagen abstimmen“, wie Joachim Barloschky sagt.

Nach mehreren kleineren Vorarbeiten beginnt die Aktion „Großer Wurf“ im Sommer 2004 mit dem Abriss des Kessler-Blocks an der Neuwieder Straße. Von einst 220 Familien haben hier zum Schluss nur noch 80 gelebt. Die meisten kassierten für den Umzug einen Zuschuss von 500 Euro und fanden in der Nachbarschaft eine neue Bleibe. In den folgenden Monaten sollen weitere der heruntergekommenen Betonburgen mit rund 650 Wohnungen fallen. Bei genauso vielen ist die Sanierung vorgesehen.

Doch zwischenzeitig entdeckt ein findiger Rechner beim Bremer Bausenator Jens Eckhoff, dass auch nach Abschluss der Maßnahmen noch Leerstand droht: Damit steht die Finanzierung des Projektes auf wackeligen Beinen. Warum erst aufwändig instand setzen, was anschließend sowieso nicht vermietet wird?, fragt man sich in der Baubehörde und verhängt einen vorläufigen Baustopp.

Neue Szenarien werden durchgespielt. Quintessenz: Die Bagger müssen öfter ran als zunächst vorgesehen – zum Beispiel in der Kaiserslauterer und der Wormser Straße. Fred Rese fällt aus allen Wolken. Sein ganzes Erspartes hat er für die eigenständigen Renovierungsarbeiten im Baumarkt gelassen. Und jetzt? Alles rausgeschmissenes Geld? Auf einer eiligst einberufenen Bürgerversammlung machen er und seine Frau Karen ihrem Ärger Luft: „So eine Sauerei haben wir noch nie erlebt!“

Ein paar Wochen später kommt die Entwarnung. Das Sanierungskonzept bleibt bestehen, wird nur ein wenig modifiziert. Aufatmen in Tenever. Joachim Barloschky ist zufrieden: „Der Protest der Bewohner zeigt Wirkung.“ Zwar werden einige von ihnen durch kleinere Abrissmaßnahmen ein zweites Mal umziehen müssen, doch das sei angesichts der gefundenen „großen Lösung“ akzeptabel.

Und obwohl die Nerven gerade bei jenen, die schon seit Monaten mitten in einer Baustelle leben, zusehends blank liegen, verhindert die Aussicht, schon bald eine bezahlbare, sanierte Wohnung beziehen zu können, Proteste. Natürlich dürfe man sich über Lärm, Dreck und Staub aufregen, räumt Ralf Schumann, Geschäftsführer des Sanierungsträgers, der Osterholz-Tenever-Grundstücksgesellschaft (OTG), ein. Doch: „Wenn dann das Badezimmer fertig ist und die Fenster eingebaut sind, dann sind auch alle wieder zufrieden.“ Zudem verfolge man ja quasi höhere Ziele: „Wir sind dabei, das Schmuddelkind Bremens in neue Kleider zu bringen.“

Eitel Sonnenschein also im Sanierungsgebiet? Mitnichten. Joachim Barloschky und Gabi-Grete Kellerhoff fürchten neuen Unmut. Eine Reihe von Bewohnern, so glauben sie, werde sich die schicken neuen Wohnungen gar nicht leisten können. Die Frau aus dem Arbeitslosenzentrum beklagt die „Absurdität der Situation“. Viele Teneveraner der ersten Stunde hätten seit Jahrzehnten auf die Modernisierung gewartet und sich immer wieder vertrösten lassen. Und nun, wo die Maßnahmen endlich angelaufen sind, drohe ihnen der Auszug. Betroffen seien Langzeitarbeitslose, die für die Mietzuschüsse nach Hartz IV „zu teuer wohnen“. Die Obergrenzen seien zu niedrig angesetzt, heißt es. Barloschky: „Von den 650 Wohnungen, die bis zum Ende der Sanierung 2008 fertig sein werden, ist nur die Hälfte kompatibel mit dem Arbeitslosengeld II.“

Ralf Schumann, der OTG-Geschäftsführer, erwartet, dass ein Teil der Mieter mit weniger Platz auskommen muss. Die Belegung der Wohnungen werde „in Einzelfällen höher ausfallen müssen“, um über die Grenze zu kommen. Das wird wohl heißen, dass sich zwei Kinder ein Zimmer teilen müssen. Schumann geht von einem maximalen Quadratmeterpreis von 4,50 Euro aus. „Den müssen wir aber auch haben.“ Damit werde es Probleme geben, vermuten Kellerhoff und Barloschky. Vor allem unter Berücksichtigung der stetig steigenden Energiekosten plädieren sie für einen Satz von maximal vier Euro pro Quadratmeter. „Mehr geht nicht, da soll man sich nichts vormachen.“

Schumann, der sich selbst als „Krisenmanager“ bezeichnet, weiß, dass ihm eine gefährliche Gratwanderung bevorsteht: hier das Bestreben, die horrenden Sanierungskosten wenigstens ansatzweise wieder hereinzubekommen, da das Risiko, durch zu hohe Preise neuen Leerstand zu provozieren. Gelegentlich laut werdenden Forderungen, die Mieten in Tenever angesichts der wirtschaftlichen Situation vieler Bewohner sogar zu senken, erteilt er indes eine klare Absage: „Das geht bei den Investitionen, die hier getätigt werden, nun wirklich nicht.“

Die Frage, ob die Sanierung Tenevers langfristig ein Erfolg wird, mag zurzeit noch niemand beantworten. „Wir haben in jedem Fall bewiesen, dass sich bei kooperativer Planung und einem vernünftigen Umgang aller Beteiligten solch komplizierte Prozesse geregelt über die Bühne bringen lassen“, meint Joachim Barloschky. Ralf Schumann macht die Bewertung nicht nur davon abhängig, wie viele Teneveraner nach Abschluss der Sanierung tatsächlich im Stadtteil bleiben. „Mich interessiert auch, ob es uns gelingen wird, die Attraktivität so zu steigern, dass wir einen spürbaren Zuzug erreichen.“

Interessenten sollen reizvolle Angebote unterbreitet werden. So ist unter anderem der Bau von familienfreundlichen Reihenhäusern geplant – eine Idee, die nicht nur Zuspruch findet. Bewohnersprecher Peter Halamoda: „So werden doch nur weitere Alteingesessene aus ihren Wohnungen gedrängt.“ Joachim Barloschky hingegen bestätigt den Bedarf.

Man darf sicher sein: Es bleibt weiter spannend im Osten Bremens.

16 westdeutsche Kommunen planen den Umbau

Wie sieht die Stadt der Zukunft aus? Diese Frage spielt eine entscheidende Rolle bei der Umsetzung des Programms „Stadtumbau West“, das die Bundesregierung 2003 in die Wege geleitet hat. Die Wohnbedürfnisse der Menschen haben sich geändert. Rückläufige Bevölkerungszahlen und Stadt-Umland-Wanderungen erfordern ein städtebau- und wohnungspolitisches Umdenken. Elf Städte wurden zunächst als Pilotprojekte ausgewählt: Albstadt, Bremen, Bremerhaven, Lübeck, Oer-Erkenschwick, Pirmasens, Salzgitter, Selb, Völklingen, Wildflecken, Wilhelmshaven. Später kamen fünf weitere hinzu: Essen, Gelsenkirchen, Hamburg-Wilhelmsburg, Saarbrücken-Burbach, Schwalm-Eder-West. Bis 2009 stehen jährlich 86 Millionen Euro Fördergelder bereit. Ziel ist die Herstellung nachhaltiger Strukturen auf der Grundlage von städtebaulichen Entwicklungskonzepten. Hinsichtlich ihres Stadtumbauprofils können die Pilotstädte unterschieden werden in solche, deren Schwerpunkt im (wirtschaftlichen) Strukturwandel liegt, und in jene, die sich mit Fragen des „Wohnens im Wandel“ auseinander setzen. Bei Ersteren fällt auf, dass die Auswahl eine Vielzahl unterschiedlicher altindustrieller Kerne wie Porzellan-, Textil-, Schuh-, Stahl-, Hafen- und Schiffbauindustrie sowie Bergbau widerspiegelt. „Wohnen im Wandel“ ist insbesondere in den Wohnquartieren mit verdichtetem Wohnungsbau aus den sechziger und siebziger Jahren zu beobachten. Hier führten ein entspannter Wohnungsmarkt und veränderte Wohnwünsche zu hohem Leerstand in Wohngebäuden und sozialen Problemen."

 

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Zeit- und Maßnahmeplan Sanierung Tenever (zeitplan_tenever_0106_rz.pdf) Zeit- und Maßnahmeplan Sanierung Tenever
 
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